Hintergründe

TANGO - der Tanz

Argentinischer Tango gehört wohl zu den sinnlichsten aller Paartänze; er ist leidenschaftlich, aufregend und melancholisch, kraftvoll, rebellisch und frei. Er verkörpert eine Haltung, die u.a. geprägt ist von der Autonomie der PartnerInnen, gegenseitiger Akzeptanz, Respekt, Empathie, Präsenz und Klarheit.

Der Tango lebt von der subtilen Kommunikation zwischen zwei Tanzenden, die sich mit Respekt und emotionaler Offenheit begegnen (müssen), um den besonderen Reiz dieses Tanzes erleben und ausdrücken zu können. Die Herstellung von innerer Achtsamkeit und damit Sensibilität für sich selbst, das Gegenüber und die Situation ist für die Qualität der Kommunikation entscheidend. So bietet der Tango über den Vergnügungsaspekt hinaus eine Erfahrung von Tiefe, ja Glück. Gerade die Entwicklung und Kultivierung von bewusster Wahrnehmung macht das Tangotanzen zu einem erfüllenden, bereichernden Erlebnis.

Der Tango fördert auf vielfältige Weise Toleranz zwischen verschiedenen Lebensanschauungen, Lebensweisen und Kulturen.

TANGO - schwule Wiege in Hamburg

Die Hamburger Tangoszene hatte ihren Ursprung in einem kleinen schwulen Cafe in Altona: im "TucTuc" trafen sich Mitte der 80er Jahre die ersten Tangobegeisterten. Von Anfang an mit dabei waren u.a. auch Marga Nagel und Ute Walter. Die beiden sind heute renommierte Tango-LehrerInnen. Ihr Können und ihre Begeisterung haben sie im Laufe der Jahre auf zahllose TänzerInnen - nicht zuletzt aus der Lesbenszene -  übertragen. 2001 riefen sie zusammen mit Felix Feyerabend, der im gleichen Jahr die erste schwul-lesbische Milonga in Hamburg, das Tango-Fatal, organisierte, das Queer Tango Festival ins Leben.
 

TANGO - das Queere

Es sollte keine Ausgrenzung betrieben werden, sondern etwas öffnen. Alle Tangobegeisterten – gleich welchen Könnens, welcher Geschlechteridentität oder sexueller Präferenz  –, die interessiert daran sind, mit sich, ihren Rollenidentitäten, mit dem Tango zu experimentieren, waren eingeladen. Politisch gesehen schien das der aktuellere Schritt. Obwohl es insbesondere auch darum ging und geht, tangotanzenden lesbisch oder schwul identifizierten Menschen und Transgender eine quasi Drei-Tage-Heimat zu geben. Es bestand der Wunsch, dass es mal andersherum ist, um sich frei und ungezwungen miteinander zu bewegen.

In Kooperationen mit Kultur- und Bildungsträgern, wie z.B. dem Frauenbildungszentrum Denk(t)räume und der Heinrich-Böll-Stiftung, der guten Nutzung eines weltumspannenden Tango-Informationsnetzes, einer relativ breiten Presseresonanz, sowie einem vielfältigen Programm von Workshops, Ausstellungen, Filmen, Vorträgen und abendlichen Tanzveranstaltungen, wuchs das inzwischen jährlich stattfindende Festival sehr schnell an und zog mehr und mehr internationales Interesse auf sich. Es kamen  bisher TeilnehmerInnen aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Italien, Holland, Belgien, England, Österreich, Polen, der Schweiz, den USA und Argentinien. Die Queer Tango Idee inspirierte auch andere Länder, lokale Queer Tango Szenen zu kreieren.

Die Menschen, die kommen, sind neugierig und aufgeschlossen, auch gegenüber einer Überwindung der eng ausgelegten Führen-Folgen-Struktur. Das Festival zeichnet sich durch eine Mischung sinnlichen Erlebens und Möglichkeiten der Reflexion aus. Diskussionsveranstaltungen und Vorträge um Fragen der Theorie und Praxis im Kontext von Geschlecht, Sexualität und Tango bieten die Möglichkeit einer Dekonstruktion vorherrschender heteronormativer Strukturen und fester Geschlechterrollenzuschreibungen im Tango und in der Gesellschaft. Nach Aussagen vieler ist es das einzige Festival, auf dem die TangotänzerInnen Lust haben, über den Tango im expliziten Sinne nachzudenken, d.h. ihr körperliches Erleben zu reflektieren und über Klischees wie „Tango ist Hingabe“ und „Kopf ausschalten“ hinauszugehen.

Das Festival bietet einen Raum, in dem anders sein unproblematisch ist, in dem angeregt wird, sich selbst auszuprobieren. Das schafft eine ausgesprochen freudvolle Atmosphäre.

Eine Körperpraxis wie der Tango bietet gute Ansätze, Rollen zu erproben und Anteile in sich zu entdecken, die sonst im Alltagsleben oft scheinbar nicht entdeckt und erprobt werden können, weil Tanzen unvorbelasteter ist als manch anderer Lebensbereich. Hier lässt es sich unproblematischer ausprobieren, wie es sich anfühlt, eine Rolle anzunehmen, ihr gewachsen zu sein, sie auszuleben - und sie eventuell wieder abzustreifen und zu wechseln.

Zweischneidiger Erfolg

Es sollte von Anfang an ein inhaltlich hochwertiges Programm geben. So wurden international in der Tangoszene renommierte LehrerInnen eingeladen, die einen persönlichen Bezug zum Thema des Festivals haben. Vielleicht auch aufgrund dessen zog das Festival immer mehr TangotänzerInnen an, die das Festival eher als „irgendwie alternativ“ begriffen. Es wurde in der Folge diskutiert, ob die Offenheit an sich einen Wert habe oder zu sehr in Kommerzialität und Beliebigkeit münde. Spricht diese Offenheit für eine Reife der Bewegung oder ist es eine politische Dummheit? Diese Frage spiegelt sich ja auch in den Diskussionen um queere Theorie und Praxis wider.

Für die Offenheit des Festivals spricht, dass auch Menschen queere Ansätze und ihre Praxisrelevanz nachvollziehen, die sich bislang nicht mit Queer beschäftigt haben. So sollen die theoretische Reflexion, Vorträge zur Einführung in die queer theory, usw. weiterhin fester Bestandteil des Festivals bleiben. Gerade auch, weil es vermehrt TeilnehmerInnen anzieht, die eigentlich wenig mit dem Begriff anzufangen wissen. So kann das Festival dazu beitragen, über den Tango hinaus zu politisieren, aufklärend zu wirken und ein Bewusstsein für dominante gesellschaftliche Konstruktionen zu entwickeln.

TANGO - das politische

Ziel der Queer Theory ist es, die vorherrschende Heteronormativität zu analysieren und einer Praxis für Veränderungen verfügbar zu machen. Dazu gehört, sinnliche Erfahrung – Erotik, Sexualität, Phantasien – von ihrer heteronormativen Ausgerichtetheit und Disziplinierung durch eine queere Körperpraxis zu ‚befreien’ und zu kreativen Spielen anzuregen.

Das Queer Tango Festival ist bei allen Einschränkungen und Vermittlungsschwierigkeiten eines queeren Tangos ein gelungenes Beispiel, um zu neuen Erfahrungen anzuregen, gerade auch in der Kombination von Reflexion, Dekonstruktion bestehender Verhältnisse und der Erfahrung von Genussfähigkeit, Sinnlichkeit, Lust. Besonders auch durch Veruneindeutigung der gerade im Tango so beharrlich wirksamen Konstruktionen von Geschlecht und Sexualität, die ihn immer noch zu einem Reservat von Weiblichkeit und Männlichkeit der alten Ordnung machen.

Je nach Betrachtungswinkel lässt sich sagen, dass es eine starke Diskrepanz gibt zwischen dem eigenen Anspruch und der Vermittelbarkeit der Inhalte, aber die Radikalität des Denkes verschafft auch zu Impulsen, die überhaupt erst zu einer Suchbewegung und Annäherung an ein vielleicht utopisches Bild verhelfen.


Literaturauswahl

Docampo, Marianna: What is Tango Queer? -> plain text on: buenosairestangoqueer.blogspot.com

Hartmann, Annette (2002): Doing Tango – Performing Gender. Zur (De-) Konstruktion von Geschlechtsidentitäten in Literatur und Tanz. In: Klein, Gabriele/Zipprich, Christa (Hg.): Tanz Theorie Text. Münster. S. 367-381.

Klein, Gabriele/ Haller, Melanie (2006a): Präsenzeffekte. Zum Verhältnis von Bewegung und Sprache am Beispiel lateinamerikanischer Tänze. In: Gugutzer, Robert (Hg.): body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. Reihe Materialitäten. Band 2. Klein, Gabriele/ Löw, Martina/ Meuser, Michael (Hg.). Bielefeld. S. 233-247.

Klein, Gabriele/Haller, Melanie (2006b): Bewegtheit und Beweglichkeit – Subjektivität im Tango Argentino. In: Bischof, Margrit/ Feest Claudia/ Rosiny Claudia (Hg.): E_motion. Jahrbuch Tanzforschung 16. Münster. S. 157-172.

Saikin, Magali (2004): Tango und Gender. Identitäten und Geschlechterrollen im Argentinischen Tango. Stuttgart.

Savigliano, Marta E. (2010): Critical Essays: Notes on Tango (as) Queer (Commodity). ANTHROPOLOGICAL NOTEBOOKS 16 (3), p. 135-143. Anthropological Society 2010. -> Download

Thimm, Tanja (2008): Tango und innere Achtsamkeit oder Ein anderer Zugang zum Tangotanzen, Interview mit Ute Walter, Tangodanza, Nr. 3, 2008. S. 28-31. -> Download

Thimm, Tanja (2007): Von der Rolle: Marga Nagel & Ute Walter tanzen queer, Interview mit Ute Walter und Marga Nagel, Tangodanza, Nr. 1, 2007. S. 7-10. -> Download

Villa, Paula (2010): Bewegte Diskurse, die bewegen. Warum der Tango die (Geschlechter-)Verhältnisse zum Tanzen bringen kann. In: Wetterer, Angelika: Körper Wissen Geschlecht - Geschlechterwissen und soziale Praxis II. Sulzbach/Taunus. S. 141-164. -> Download

Villa, Paula (2006): Bewegte Diskurse, die bewegen. Überlegungen zur Spannung von Konstitution und Konstruktion am Beispiel des Tango Argentino. In: Gugutzer, Robert (Hg.): body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. Reihe Materialitäten. Band 2. Klein, Gabriele/ Löw, Martina/ Meuser, Michael (Hg.). Bielefeld. S. 209-232. 

Villa, Paula (2003): Mit dem Ernst des Körpers spielen: Körper, Diskurse und Emotionen im Argentinischen Tango. In: Alkemeyer, Thomas/ Boschert, Bernhard/ Schmidt, Robert/ Gebauer, Gunter (Hg.): Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur. Konstanz. S. 131-156. -> Download

Walter, Ute u. Nagel, Marga (2008): Über das Gewohnte hinaus: Erfahrungen und Anregungen zur Entwicklung einer qualitativ anderen Kommunikationskultur im Tango. Konferenzbeitrag. Tangoing Gender. Macht und Subversion im argentinischen Tango. Konferenz. 10. November 2008.Institute for Cultural Inquiry (ICI) Berlin. -> Download 

Queer Tango Artikel auf Wikipedia

 

 

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